Twitter  Facebook  Pinterest  Instagram
Twitter  Facebook  Pinterest  Instagram

 

Afantasie

Die meisten Menschen haben noch nie von Afantasie gehört. Es handelt sich um eine fehlende bildliche Vorstellungskraft. Wer Afantasie hat, kann keinerlei mentale Bilder erzeugen.

Bis vor ein paar Jahren hatte ich auch noch nie davon gehört und das, obwohl ich schon mein ganzes Leben lang davon betroffen bin. Jeder scheint irgendwie anzunehmen, dass alle Menschen gleich denken und die Welt gleich wahrnehmen. Das habe ich auch gedacht, deshalb hat es mich dann überrascht, festzustellen, dass andere sich tatsächlich Dinge vor ihrem „inneren Auge“ vorstellen können und das nicht nur eine Metapher ist!

Ich habe mich dann ausführlich mit dem Thema beschäftigt und festgestellt, dass das Vorstellungsvermögen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist.

Wie viele andere Eigenschaften auch, existiert das Vorstellungsvermögen auf einem Spektrum. Wenn du einigermaßen gut Englisch sprichst, kannst du online einen Test namens VVIQ (Vividness of Visual Imagery Questionnaire) machen und herausfinden, wo auf diesem Spektrum du dich befindest. Eine deutschsprachige Testvariante gibt es auch, allerdings ist Frage 1 unvollständig übersetzt (Man soll sich wohl die Kleidung eines Bekannten vorstellen).

Die meisten Menschen besitzen ein bildliches Vorstellungsvermögen, das jedoch unterschiedlich gut ausgeprägt sein kann. Manche sehen gestochen scharfe mentale Bilder, während sie bei anderen eher schemenhaft bleiben. In seltenen Fällen kann das Bild vor dem inneren Auge sogar so real und lebendig wirken, dass die Betroffenen es kaum von der Wirklichkeit unterscheiden können. Das nennt sich dann Hyperfantasie.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich Menschen mit Afantasie, so wie ich und auch Hannah aus meinem Roman XXX. Weltweit sind ungefähr 2-3% der Bevölkerung betroffen.

Wenn ich versuche, mir einen Strand, einen Apfel oder das Gesicht meiner Mutter vorzustellen, gelingt mir das nicht, egal, wie sehr ich es auch versuche. Natürlich weiß ich, was ein Apfel ist, ich kann einen Strand beschreiben und ich erkenne das Gesicht meiner Mutter, aber vor meinem inneren Auge sehen, kann ich das alles nicht.

In meinem Roman XX beschreibt Hannah es in einem Gespräch mit Winter so:

»Wenn du die Augen schließt und versuchst, dir etwas vorzustellen … sagen wir mal mein Gesicht … dann hast du dabei kein Bild im Kopf? Nicht einmal ein verschwommenes? Du hast keine Ahnung, wie ich aussehe?«

Hannah schloss die Augen, als würde sie sich auf Winters Gedankenexperiment einlassen. »Nein, kein Bild, aber ich weiß genau, wie du aussiehst – kurzes, silbergraues Haar, blaue Augen, sensationelle Wangenknochen.«

Es war interessant zu hören, wie Hannah sie beschrieb. Sie fand ihre Wangenknochen also sensationell? Aber natürlich spielte das keine Rolle.

Hannah öffnete die Augen und ihre Blicke trafen sich. »Ich habe eine Liste von Faken im Kopf, aber ohne dazugehöriges Bild. Dasselbe gilt für deine Stimme. Ich weiß, dass sie tiefer ist als meine und ein wenig heiser, aber ich kann sie nicht im Geiste hören. Solltest du jemals vermisst werden, kannst du bloß hoffen, dass ich nicht diejenige bin, die dich der Polizei beschreibt, sonst wirst du nie gefunden. Meine mentale Liste von Fakten ist meistens nicht sehr detailliert.« Sie lachte, als ob es ihr nicht das Geringste ausmachte.

Kennst du eine Person mit Afantasie, kennst du eine Person mit Afantasie

Jede Person mit Afantasie unterscheidet sich von der anderen. Das Einzige, was alle gemeinsam haben, ist die Unfähigkeit, willentlich mentale Bilder zu erzeugen. Ich betone das „willentlich“, weil etwa die Hälfte aller Betroffenen bildlich träumt, während die andere Hälfte entweder ohne Bilder träumt oder sich gar nicht erinnern kann, jemals geträumt zu haben.

Bei mir selbst ist es so, dass meine Träume zwar zum Teil visuelle Aspekte haben, aber meistens weiß ich einfach nur, wo ich bin und wer sich im Traum befindet, statt Orte und Personen tatsächlich zu sehen.

Bei einigen Menschen mit Afantasie ist nur die bildliche Vorstellung betroffen, bei anderen (wie bei Hannah und bei mir) betrifft es auch sämtliche anderen mentalen Sinne. Ich kann zum Beispiel auch keine Geräusche, Stimmen, Gerüche oder Geschmäcker innerlich reproduzieren.

Auch die Fähigkeit, diese anderen Sinneseindrücke im Kopf zu rekapitulieren, existiert auf einem Spektrum. Die meisten Menschen können scheinbar am besten Bilder und Geräusche abrufen, während die Vorstellung von Geruch und Geschmack nicht ganz so gut ausgeprägt ist. Allerdings gibt es auch Menschen, die sich vorstellen können, eine Zutat zu einem Gericht hinzuzufügen, und es im Geist dann probieren können, ohne es tatsächlich erst kochen zu müssen!

 

Aphantasia ist keine Behinderung im eigentlichen Sinne, hat aber oft einige Nachteile

Afantasie ist keine Behinderung, sondern eine normale Variante menschlichen Erlebens. Sie ist Teil der Neurodiversität. Interessanterweise bestätigen Studien eine Verbindung zwischen Afantasie und anderen Formen von Neurodiversität wie z.B. Autismus. (Personen mit Afantasie berichten über mehr autistische Züge und sind mit höherer Wahrscheinlichkeit auf dem Autismus-Spektrum).

Obwohl Afantasie keine Behinderung im eigentlichen Sinne ist, ist es doch oft mit Nachteilen verbunden. Kein visuelles Vorstellungsvermögen zu haben, hat Einfluss auf die Art, wie man lernt und wie das Gedächtnis funktioniert.

Da es verschiedene Untergruppen von Menschen mit Afantasie gibt, erlebt nicht jeder dieselben Nachteile. Ich nenne im Folgenden nur einige der Nachteile, die oft genannt werden:

  • Schlechtes autobiografisches Gedächtnis: Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Afantasie oft Schwierigkeiten mit dem autobiografischen Gedächtnis haben. Laut einer Studie von Zeman (2020) leidet ein Drittel der Menschen mit Afantasie an einem stark defizitären autobiografischen Gedächtnis (SDAM) und ist nicht in der Lage, persönlich erlebte Ereignisse in detaillierten Einzelheiten abzurufen. Selbst bei denjenigen, die kein schlechtes autobiografisches Gedächtnis haben, scheint dieses anders zu funktionieren. Bei Menschen, die nicht von Afantasie betroffen sind, ähneln Erinnerungen an eigene Erlebnisse einem Video, das sie sich ansehen, während sie gleichzeitig die damals empfundenen Emotionen noch einmal durchleben. Durch dieses innerliche Wiederholen verfestigt sich die Erinnerung. Menschen mit Afantasie sind zu diesem innerlichen Wiederholen vergangener Ereignisse nicht in der Lage. Ihre Erinnerung an die Vergangenheit beruht oft mehr auf Fakten. Wenn man sich das Gedächtnis als Buch vorstellt, wäre das, als hätte man nur Zugang zum Inhaltsverzeichnis, aber nicht zum gesamten Inhalt des Buchs.
  • Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen: Ein Drittel der Menschen mit Afantasie hat auch Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen, da ihnen das mentale Vergleichsbild fehlt. Studien zeigen dass es einen Zusammenhang zwischen Afantasie und Prosopagnosie (Gesichtsblindheit) gibt.
  • Schlechtes Orientierungsvermögen: Da Menschen mit Afantasie keine mentale Landkarte und keine mentalen Orientierungspunkte haben, besitzen sie häufig ein schlechtes Orientierungsvermögen. Allerdings kenne ich einige Menschen mit Afantasie, die sich sehr gut zurechtfinden. Vermutlich liegt das daran, dass sie andere Strategien anwenden, die nicht auf bildlichem Vorstellungsvermögen beruhen.

 

Die Vorteile von Afantasie

Leider gibt es noch keine Studien, die die Vorteile von Afantasie untersuchen, allerdings höre ich immer wieder einen Vorteil von Betroffenen: Menschen mit Afantasie sind gegenwartszentrierter und leben mehr im Moment, anstatt der Vergangenheit nachzuhängen oder von der Zukunft zu träumen. Afantasie hilft dabei, mehr im Hier und Jetzt zu sein, Vergangenes vergangen sein zu lassen und nicht ständig unschöne Erinnerungen vor Augen zu haben.

 

Wie Afantasie das Lesen beeinflusst

Mit den Leser*innen in meiner Facebook Gruppe habe ich mich ausführlich darüber unterhalten, wie sie das Lesen erleben, und ihre Beschreibungen klangen für mich wie Zauberei:

Viele scheinen beim Lesen tatsächlich eine Art Kopfkino zu erleben, bei dem vor dem geistigen Auge ein Film abläuft. Manche Leser*innen stellen sich Filmstars oder andere berühmte Persönlichkeiten anstelle der Charaktere vor, während andere die Gesichter nur verschwommen vor sich sehen, jedoch eine klarere Vorstellung von den beschriebenen Orten und Handlungen haben.

Manche hören beim Lesen eine Stimme. Für viele ist es ihre eigene Stimme, aber manche hören auch die Stimme der Stars, die sie sich anstelle der Hauptfiguren vorstellen. Einige Leser*innen berichten sogar, dass sie beim Lesen die Stimme des Autors oder der Autorin hören, sofern sie diese schon einmal in einem Interview gehört haben. Manche Leser*innen hören auch die Stimme der Hörbuchsprecherin, die vorige Romane der Autorin gesprochen hat, selbst wenn der Roman, den sie gerade lesen, noch gar nicht als Hörbuch existiert!

Der Großteil der Leser*innen in meiner Facebook Gruppe konnte sich die Charaktere und das Setting gut vorstellen. Die meisten konnten auch den Geschmack von im Buch beschriebenen Gerichten innerlich reproduzieren, vor allem, wenn es sich um ein Gericht handelte, das sie selbst schon einmal gegessen haben. Ungefähr die Hälfte konnte auch die Gerüche wahrnehmen, die im Buch beschrieben wurden.

Eine Leserin beschrieb ihre Erfahrung beim Lesen meines Romans Westwärts ins Glück so: „Ich höre das Knarren der Wagen, rieche den Staub und die Bohnen mit Speck, die auf dem Feuer kochen, und höre die Mundharmonika.“

Bei Leser*innen mit Afantasie findet dieser innere Film nicht statt. Diejenigen, deren Afantasie alle Sinnesmodalitäten betrifft, hören weder die Charaktere noch einen Sprecher und sie können die beschriebenen Gerüche und Geschmäcker auch nicht innerlich nachempfinden.

Aus diesem Grund lesen manche Menschen mit Afantasie nicht gern Romane, sondern lieber Sachbücher. Selbst diejenigen, die gern Romane lesen, überspringen manchmal lange Beschreibungen.

Ich selbst war schon immer eine Leseratte und verliere mich gern in den Seiten eines guten Romans, auch wenn bei mir kein Kopfkino stattfindet. Mir geht es beim Lesen um die Charaktere, ihre Beziehung und die Emotionen, was wohl auch der Grund ist, warum ich vor allem Liebesromane lese und warum ich Romane meistens einem Film vorziehe. Mir ist es wichtiger, was in den Köpfen der Charaktere vorgeht, als zu wissen, wie sie von außen aussehen. Filme können uns diese Einblicke nicht bieten.

Wie Afantasie das Schreiben beeinflusst

Studien zeigen, dass Menschen mit Afantasie häufiger in wissenschaftlichen, mathematischen oder technischen Berufen zu finden sind und seltener kreative Berufe wählen, aber es gibt dennoch auch Künstler*innen und Schriftsteller*innen mit Afantasie. Fehlende bildliche Vorstellungskraft ist nicht gleichbedeutend mit fehlender Kreativität!

Ich schreibe schon seit über dreißig Jahren und habe bisher dreiundzwanzig Romane veröffentlicht, deshalb kann ich bestätigen, dass man nicht visualisieren können muss, um Autor*in zu werden.

Für Schreibende, die nicht von Afantasie betroffen sind, scheint der Schreibprozess ähnlich abzulaufen wie der Leseprozess, den ich eben beschrieben habe. Viele Autor*innen nutzen ihre bildliche Vorstellungskraft beim Schreiben. Sie sehen die Handlung wie einen Film vor ihrem inneren Auge ablaufen. Manche hören ihre Charaktere auch sprechen.

Autor*innen mit Afantasie können genauso kreativ sein, verlassen sich dabei aber auf andere Techniken, insbesondere, wenn sich ihre Afantasie auf alle Sinnesmodalitäten bezieht.

Im Anschluss findest du Interviews mit drei lesbischen Autorinnen, die beschreiben, wie sich Afantasie auf ihren Schreibprozess auswirkt.

 

Lesbische Autorinnen, die Afantasie haben

Hier findest du Interviews mit drei Autorinnen lesbischer Liebesromane, die beschreiben, wie Afantasie ihr Schreiben beeinflusst:

Cheyenne Blue

Jae

Chris Zett